Geschichte des Marionettentheaters


image2Karl Magersuppe wurde 1900 in Kassel geboren. Er sollte später den Porzellanwarenladen seines Vaters übernehmen. Es kam aber anders als geplant. 1924 kaufte er Bühne, Figuren und Requisiten einer Göttinger Studentengruppe ab und entschied sich für den Beruf des Puppenspielers. Seine erste Vorstellung, Doktor Faust, gab er in der Aula der alten Klosterschule in Bad Hersfeld. Damals bestand das Ensemble aus ihm selbst, Friedrich Herbold (späterer Journalist und Kunstkritiker), Theo Otto (später Bühnenbildner in Zürich), Edgar Fuchs (später Oberspielleiter in Lübeck) und Pfarrer Fritz Reinhold. Damals war das Theater ein reines Wandertheater und so zog das Ensemble von Stadt zu Stadt, um ihre Darbietungen zu zeigen.

 

Als Hitler 1933 Reichskanzler wurde, kam eine große Wende. In Form seines Kaspers kritisierte Karl Magersuppe die politische Situation. Dies war nicht „linientreu“. Einige Stücke wurden verboten und somit musste er nach den Regeln des Nationalsozialismus spielen. Das ging nicht immer gut. Oftmals konnte Karl seine Meinung gegen das Reich nicht für sich behalten und sah sich daraufhin oft weiteren Einschränkungen und Verboten ausgesetzt. Als 1939 der Krieg begann, bekam er seinen Einberufungsbefehl und musste mit dem Marionettenspiel aufhören. Eine schwierige Zeit begann für ihn. Mit ein paar Handpuppen im Gepäck zog er in den Krieg und kam anschließend in die russische Kriegsgefangenschaft. Im Jahr 1945 kam er zurück und musste feststellen, dass er seine drei Kinder durch den Krieg verloren hatte. Trotzdem gab er nicht auf. Bereits ein Jahr später suchte er die verbliebenen Figuren zusammen, die der Krieg nicht zerstört hatte. Durch einen Zufall bekam er von der amerikanischen Besatzungsmacht die Lizenz, das Marionettenspiel wieder aufzunehmen. Doch schon 1949 kam der nächste Schicksalsschlag: seine Frau starb an einer Krankheit.

 

 

Als er im Oktober 1949 seine alten Spielbücher wiederfand, beschloss er, mit Katharina Stürmer und einer weiteren Mitarbeiterin, Elisabeth „Elschen“ Schmeiser, durch die Lande zu ziehen. 1950 heiratete er Katharina Stürmer und ein Jahr später wurde ihre Tochter Monika geboren, im Jahr 1953 folgte Sohn Karl Erich „Erle“.

Bis zum Jahr 1955 spielte das Puppentheater der Brüder Zangerle in Steinau. Sie kehrten nach Köln zurück und somit stand der zum Theater umgebaute Marstall des Schlosses leer. Zu dieser Zeit suchte Karl Magersuppe per Inserat ein festes Spielhaus und erhielt das Angebot, sich in Steinau niederzulassen. Er fühlte sich dort wohl, denn Steinau war eine ideale Stätte für ein Marionettentheater. Durch das besondere Ambiente entschied er sich, weitgehend Grimmsche Märchen zu spielen. Aber auch andere kamen auf seinen Spielplan, wie etwa Pinocchio, die chinesische Nachtigall, die Salzprinzessin oder auch Doktor Faust nach Marlowe (=Urfaust).

Karl Magersuppe war schon vor dem Krieg Mitglied in der UNIMA (Union Internationale de la Marionette). Diese Weltorganisation der Puppenspieler ist ein wichtiger Treffpunkt für Puppenspieler aus der ganzen Welt. Als sie nach dem Krieg neu strukturiert wurde, engagierte er sich mit ganzem Herzen in dieser Organisation. Er wurde ins Präsidium berufen und später sogar Ehrenmitglied. Wenn ein Puppenspieler in Steinau ein Quartier suchte, so war er bei „Magersuppes“ herzlich willkommen. Und selbst nachts bekam der Besuch noch eine warme Suppe. Denn unter Puppenspielern wird Gastfreundlichkeit groß geschrieben.

Das Theater wurde sehr bekannt. Es gab zahlreiche Fernsehproduktionen mit den Marionetten der Holzköppe. Darunter waren 1968 die ZDF-Produktion „Pole Poppenspäler“ und Mitte der 70er Jahre die Fernsehproduktionen „Alsfelder Passion“ und „Alsfelder Weihnacht“. Später folgten 1979 Auftritte mit den Puppen Lilli und Willi bei der Sendung „Kopfball“.

Zu einem besonderen Höhepunkt des Theaters gehörte ein hoher Staatsbesuch. Anfang der 70er Jahre bekam das Theater eine Einladung der Hessischen Staatsregierung. Die dänische Königin Margarethe II. kam zu Besuch nach Wiesbaden. Das Ensemble spielte „Rotkäppchen“ für sie und Karl Magersuppe überreichte ihr als Symbolgestalt des Märchenlandes Hessen seine Rotkäppchen-Marionette.

1972 kam Lieselotte Schmantowski als Freundin von Sohn Erle Magersuppe zum Theater und als sie mit Begeisterung im Theater mithalf, konnte sich Karl Magersuppe etwas zurückziehen.

1979 bekam Karl Magersuppe den Kulturpreis des Main-Kinzig-Kreises verliehen. Das Puppenspiel war sein Leben. Als er 1981 und fünf Jahre später auch seine Frau starben, führte ihr Sohn Karl-Erich „Erle“ Magersuppe dieses wunderbare Erbe mit seiner Frau Lieselotte, seiner Schwester Monika Steiner und der Mitarbeiterin Elisabeth „Elschen“ Schmeiser weiter. Später gehörten noch Norbert Kirchner und Udo Gläser zum Ensemble.

Das Theater erfreute sich großer Beliebtheit; pro Jahr spielte das Haus etwa 600 Vorstellungen, die überwiegend ausverkauft waren. Natürlich gab es auch wirtschaftliche Umbrüche. Aber vor allem mit Erle Magersuppe, den jeder über Steinau hinaus kannte, behielt das Theater seinen einzigartigen Charakter. Trotz des „Technik-Booms“ erfreuten sich noch viele Menschen an dem Puppenspiel. Die dritte Generation; Sohn Mario Magersuppe und die beiden Töchter Nina und Jasmin wuchsen mit dem Theater auf. Doch dann folgte ein großer Schicksalsschlag. Prinzipal Erle Magersuppe erkrankte an einer schweren Krankheit. Nach einem langen Kampf starb er im Oktober 2001. Vor allem für seine Frau war das eine schwere Zeit. Zusammen mit ihrem Sohn (damals war er 21 Jahre alt) übernahm sie das Theater. Es gab viele Höhen und Tiefen, doch nach diversen Schwierigkeiten trugen sie das Erbe jedoch mit voller Kraft weiter – mit Unterstützung von Elschen, Norbert, Nina und Jasmin Magersuppe.

2002 ging schließlich auch Elschen Schmeiser in den Ruhestand. Sie war von Anfang an dabei und hat das Theater auch in der schwierigen Zeit nicht hängen lassen. Heute wohnt sie in der Nähe von Wuppertal, aber sie kommt gerne noch nach Steinau, um ihrer Familie und dem Theater einen Besuch abzustatten.

Trotz vieler Höhen und Tiefen verlor das Theater nie an Wärme und Herzlichkeit. Mittlerweile, nach 89 Jahren, hat sich einiges verändert. Neue, modernere Inszenierungen kamen hinzu, aber das Theater hält auch an den traditionellen Stücken fest. „Drei Generationen – drei Variationen“; so lautet das Motto des Theaters heute. Seit 2007 gibt es sogar schon eine vierte Generation, die später vielleicht mal in die Fußstapfen des Theaters treten wird.

Im Oktober 2014 wird es ein großes Jubiläum geben. Dann wird das Theater 90 Jahre alt! Doch wie kann sich ein Theater so lange halten? Wahrscheinlich ist es die Faszination, die die Marionette ausstrahlt. Wenn man einer Marionette Leben einhaucht, so ist es nicht mehr lediglich eine Marionette. Es ist ein Wegweiser zurück in die Kindheit des Zuschauers. Vor allem in einer stressigen, schnelllebigen Zeit wie heute ist es wichtig, sich an die Kindheit zurückzuerinnern und sich der schönen Dinge zu besinnen!

Karl mit Marionette 1

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